#istnoetig – 11. Vereinbarkeit von Betreuungspflichten verbessern

Die Plattform #istnoetig kämpft mit unterschiedlichen Zugängen und Aktionsformen gemeinsam und dezentral für die im Sommer ausgearbeiteten 15 Forderungen an die (Kultur-)politik und verschafft ihnen Aufmerksamkeit, um diese durchzusetzen.

Wir beteiligen uns daran mit einem Offenen Brief and die Politik um zum Thema Vereinbarkeit der künstlerischen Arbeit mit Kinderbetreuungspflichten Stellung zu  nehmen!

 

Sehr geehrter Herr Bürgermeister Häupl,
Sehr geehrte Frau Vizebürgermeisterin Vassilakou,
Sehr geehrter Herr Mailath-Pokorny,
 
Als Eltern von drei kleinen Kindern (im Alter von 1-5 Jahren), Künstlerpaar und Betreiber eines Off-Spaces hat man grundsätzlich genug mit sich selbst zu tun und wichtigere Dinge im Kopf als offene Briefe zu formulieren. Es ist uns aber ein Anliegen Themen die uns Nahe sind auch nach Aussen zu tragen, die Vereinbarkeit von (künstlerischer) Arbeit und Kind ist eines davon. Es liegt auf der Hand dass oft prekäre Situationen durch Betreuungspflichten weiter verschlimmert werden. Und dass Diskussionen emotional geführt werden.
 
Natürlich gibt es die Vorwürfe Mütter hätten es schwerer als Väter und wir noch weit davon weg sind in einer gleichberechtigten Gesellschaft zu leben. Wir selber funktionieren als Paar und als Familie. Wir müssen nicht fehlende Emanzipation anprangern, weil wir sie seit mehr als 20 Jahren leben.
 
Wir wissen dass die Pflichten als Eltern vieles ändern: Karrierepläne werden obsolet und Chancen die man ohne Kinder bekommt ergeben sich auf einmal nicht mehr. Aus diesem Grund betreiben wir seit knapp fünf Jahren ein Artist In Residence Programm und wollen vor allem Künstlerpaaren und -familien die Möglichkeit geben ihre künstlerische Arbeit voranzutreiben. Dass wir keine Förderungen dafür bekommen sondern alles privat finanzieren macht es schwierig und zeigt welchen Stellenwert Kulturarbeit mit Familie für die Politik hat. Vieles in den gewachsenen Strukturen ist für uns zu starr und zu bürokratisch als das es uns weiterhelfen würde. Der Name unseres Künstlerkollektivs ist wohl gewählt, wir leben und arbeiten nach den Prinzipien einer Adhokratie. Nicht ohne langfristig zu planen, aber mit der grösstmöglichen Flexibilität, auch im Hinblick darauf wie wir die Kinder einbinden in unsere Arbeit und Projekte.
 
Was mehr verwundert als die fehlende finanzielle Unterstützung durch die Politik ist die Tatsache dass in der Öffentlichkeit ein ganz neues Bild der Familie gezeigt wird: erfolgreiche Eltern bzw. vermehrt die „Superfrau“ und „Karrieremama“ bei der Arbeit auf der einen Seite, ganztägig untergebrachte und fremdbetreute Kinder auf der anderen. Eine Trennung in dieser Art und Weise entspricht nicht unserer Vorstellung von Familie.
 
Und wir wollen in keiner Weise die Notwendigkeit von Betreuungsplätzen wegdiskutieren. Es braucht noch viel mehr Alternativen, gerade weil sich die Arbeitswelt im letzten Jahrzehnt enorm verändert hat. Selbständige haben andere Bedürfnisse als Vollzeitangestellte hinsichtlich Kinderbetreuung. Flexible Einrichtungen, konsumfreie Orte, Veranstaltungsräume in denen Kinder willkommen sind und partizipative Projekte gibt es zu wenig.
 
Es braucht in der heutigen Zeit dringender denn je die Vorbilder an denen man sich orientieren kann. Warum wird nicht gezeigt wo es funktioniert?
 
Und warum werden engagierten Eltern Steine in den Weg gelegt?
 
Wir beschäftigen uns intensiv mit der gegenwärtigen Diskussion rund um die Bildungspolitik. Couragierte Familien, die ihre Kinder aktiv mehr in das Leben integrieren wollen, werden durch verpflichtende Kindergartenjahre, Schulpflicht und vieles mehr de facto entmündigt. Die nicht zeitgemässen Lehrpläne und Kürzungen bei Kunst-, Musik- und Sportunterricht stehen in Widerspruch zu vielem was wir als Künstler und Kulturvermittler vorleben.
 
Kinder und Familie sind die Stützen unserer Gesellschaft!
 
Gerade durch unser kreatives Schaffen haben wir die Möglichkeit unsere Kinder in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen, in einer Form die weit über des Schulsystem hinausgeht. Das funktioniert leichter wenn die Politik erkennt, dass wir Alternativen brauchen und zulassen müssen. Es ist unser Plädoyer den alternativen/freien Schulen und Lerngruppen belastende Externistenprüfungen zu vereinfachen und Freilernerfamilien bei ihrem Weg aktiv zu unterstützen.
 
Unsere Kinder wachsen mit Kunst und Kultur in vielen Facetten auf. Zumindest so lange wir als Eltern diesen Weg gehen können, trotz erschwerender Rahmenbedingungen. Es ist nicht genug zu betonen wie sehr wir von unserem Umfeld und unseren Familien unterstützt werden. Vielen unserer Kollegen und Freunden fehlt jedoch eine solche Unterstützung. Politik und Gesellschaft sind gefragt um zu helfen. Es muss möglich sein bei Stipendien, Artist In Residence Programmen, Ausstellungen uvm. Künstler mit Kindern zu unterstützten, und zwar ohne undurchsichtige Kriterienkataloge und endlose Formulare.
 
Und auch wenn es so viele unterschiedliche Herausforderungen gibt, können sie bewältigt werden, es gibt gemeinsame Nenner. In diesem Sinne möchten wir die Politik zu mehr Dialog auf Augenhöhe auffordern, denn es gibt viele Möglichkeiten die Situation für Künstler mit Betreuungspflichten zu verbessern.
 
MfG,
Lilo Krebernik
 #istnoetig